Toms Audi und was Herr Winterkorn daraus machte


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Mein Freund Tom ist Chef eines mittelständischen Unternehmens im Schwarzwald und fährt einen Audi. Als er sich vor einiger Zeit in einer Rehaklinik am Bodensee von einer Krankheit erholte, saß er abends mit anderen Patienten beisammen. Die meisten waren ebenfalls Unternehmer oder Führungskräfte. Da erzählte Tom von einem unverschuldeten Autounfall und wie die Werkstatt danach seinen Audi mehr verunziert als repariert hatte: „Ich habe jetzt zwei Lackierungen auf dem Auto, eine helle und eine dunkle“, scherzte Tom. Da hatte er die Lacher der Männerrunde auf seiner Seite. Tom kam in Fahrt, trat die Geschichte ziemlich breit und machte sich über Audi lustig.

Einer aus der Runde ist Top-Verkäufer bei Audi, was aber Tom nicht wusste. Zwei Tage später fing der Manager Tom im Fitnessraum ab. „Komm mal mit raus“, sagte er zu Tom. „Mein Fahrer ist gerade hier. Du kannst mit dem neuesten A6 ein paar Runden drehen.“ Tom fragte entsetzt, ob der Manager ihm jetzt ein Auto verkaufen wolle. „Nein, nein, das darf ich gar nicht“, erwiderte der Audi-Mann. „Ich will dir nur zu einem positiven Audi-Erlebnis verhelfen.“ So kurvte Tom mit der Businesslimousine einen halben Tag lang um den Bodensee und hatte einen Riesenspaß. Abends erzählte der Manager von einer Großveranstaltung am nächsten Wochenende bei Audi. Als Tom durchblicken ließ, wie gerne er mal bei so einer Show mit großem Medienrummel dabei wäre, sagte der Ingolstädter: „Na ja, eigentlich ist diese Show nur für geladene Gäste, aber ich finde ein Plätzchen für dich.“

Gesagt, getan. Als Tom in Ingolstadt eintraf, wurde er gleich zum VIP-Container geführt, wo er mit seinem neuen Freund aus dem Management frühstückte. Als die Show dann langsam losging, bekam Tom einen Platz in der ersten Reihe. Auch dafür hatte sein Freund gesorgt. Und jetzt kam die Überraschung: „Komm mal mit“, sagte der Manager zu Tom, „ich mach dich mit jemandem bekannt.“ Im Foyer stand ein gepflegter älterer Herr mit silbermeliertem Haar. „Darf ich vorstellen, Herr Dr. Winterkorn? Das ist der Mann, von dem ich Ihnen erzählt habe, der das Pech mit der Lackierung hatte.“ Martin Winterkorn machte ein bisschen Small Talk mit Tom und sagte dann zu seinem Mitarbeiter: „Bitte regeln Sie den Fall.“ Rückfrage des Mitarbeiters: „Chef, die große oder die kleine Lösung?“ Winterkorn: „Nehmen Sie die große.“

Nach der Show sagte Toms Freund zu ihm: „Komm doch bitte mal mit in mein Büro. Wir konfigurieren für dich ein neues Auto.“ Tom wehrte sich erst, doch der Manager sagte nur: „Anweisung vom Chef.“ Da saßen sie dann vorm Computer, der Audi-Mann las alle Farben und Sonderausstattungen des A6 vor, und Tom sollte einfach sagen, was er haben wollte. Am Schluss hieß es: „In sechs Wochen hast du dein neues Auto. Die normale Lieferzeit wäre 18 Wochen.“ Jetzt machte Tom sich Sorgen, was ihn das alles kosten sollte. Da verstand er erst, was die Anweisung vom Chef gewesen war: Sein alter Audi würde kostenlos gegen einen neuen A6 ausgetauscht werden. Winterkorn wollte, dass Toms falsch lackiertes Auto schnellstens von der Straße verschwand. Tom war völlig geplättet. Als er später noch durchs Audi-Museum schlenderte, klingelt bei seinem Freund das Handy. Es war Martin Winterkorn. Der saß bereits im Firmenjet, startklar in die USA, wollte sich aber noch mal persönlich erkundigen, ob Tom auf die „große Lösung“ eingegangen war und alles geklappt hatte.

Wenn Sie diese Geschichte einmal auf sich wirken lassen, dann können Sie viel darüber lernen, was A-Chefs ausmacht. Sowohl der mittlere Audi-Manager als auch sein oberster Chef Martin Winterkorn haben keine Mühen gescheut, um einen einzigen enttäuschten Kunden wieder zum Fan ihrer Marke zu machen. Eine C-Führungskraft hätte sich für Toms Geschichte in der Rehaklinik gar nicht weiter interessiert. Sie sagt sich in so einer Situation: Ich bin jetzt nicht im Dienst – was kümmert es mich, wie andere Leute über meinen Arbeitgeber reden? So wäre die Geschichte niemals bis zum Vorstandschef gelangt. Eine B-Führungskraft wiederum hätte sich wahrscheinlich gefragt, wie sie irgendwie den Schaden begrenzen kann. Möglichst kostengünstig natürlich. Nur A-Chefs haben diese Einstellung, jeden einzelnen Kunden so wichtig zu nehmen, als hinge das Überleben der Firma von ihm ab. Sie sind Perfektionisten, die immer und überall nichts anderes tolerieren als Spitzenleistung. Ihre Loyalität kennt keinen Feierabend. Sie setzen sich jederzeit für ihre Firma und ihre Marke ein. Solche Chefs sind jeden Cent wert. Und wenn diese Spitzenleistung bringen ist es egal, wie viel Sie ihnen bezahlen. Sie sind immer unterbezahlt. Mit 14,5 Millionen Euro ist Martin Winterkorn der bestbezahlte Chef.

Frau Merkel sagte jetzt am Wochenende, sie wolle die Spitzengehälter der Top-Manager begrenzen, ist das okay?


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22. Dezember 2015 - Verfasst von Jörg Knoblauch

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